2. Die Schöpfer

2.1. Carl Barks

2.1.1. Lebenslauf

Carl Barks Anfangs ist zu bemerken, dass der Mann, der Donald Duck und seine Familie am meisten geprägt hat, über Umwege zum Comiczeichner wurde. Carl Barks wurde am 27. März 1901 nahe von Merrill, Oregon, geboren. Bis 1910 lebte er auf der elterlichen Farm. Dann zog seine Familie für zwei Jahre nach Kalifornien, wo ihn Zeichnungen eines Mitschülersso inspirierten, dass er im Alter von 10 Jahren selbst mit dem Zeichnen begann. Als Carl 15 Jahre alt war, starb seine Mutter und er musste nach der achten Klasse die Schule verlassen, um seinem Vater auf der Farm zu helfen. Trotzdem ließ er sich nicht vom Zeichnen abbringen. Er belegte einen Fernkurs an der „London School of Cartooning“ und zog 1918 nach San Francisco, um dort bei einer Zeitung zu arbeiten. Da es dort aber bereits sehr viele erfahrene Künstler gab, musste er einsehen, dass er als Anfänger keine Chance hatte. So kehrte Barks schon nach zwei Jahren wieder zurück, heiratete 1923 seine erste Frau und zog für fünfeinhalb Jahre nach Roseville (östlich von Sacramento), wo ersich seinen Unterhalt als Wagenbauer beim „Pacific Fruit Express“ verdiente. 1928 verkaufte er erstmals Witzzeichnungen an das Herrenmagazin „Calgary Eye-Opener“. 1930 kehrte Carl Barks mit seinen zwei Töchtern nach der Trennung von seiner ersten Frau nach Oregon zurück. Er beschloß nun hauptberuflicher Zeichner beim „Calgary Eye-Opener“ zu werden und übersiedelte 1931 nach Minneapolis.
1935, im Alter von 34 Jahren, bewarb sich Barks bei Disney. Nach einer Probezeit wurde er als „Inbetweener“, Zwischenphasenzeichner, eingestellt. So arbeitete er vorerst beim Zeichentrickfilm, nebenher schrieb er aber schon eigene Skripts und Gags. Für den Donald Duck-Cartoon „Modern Inventions“ zeichnete Barks einen motorisierten Friseursessel. Die eingereichten Entwürfe waren so gut, dass es Walt Disney für das Beste hielt, Barks in das Story-Department zu versetzen.
Barks arbeitete an 36 Trickfilmen mit (Regie: Jack King), fand aber schließlich keine vollständige Befriedigung darin. Da in den Disney-Kurzfilmen die Story oft zu kurz kam, Barks aber gute Geschichten erzählen wollte, verließ er schließlich am 6. November 1942 die Disney-Studios. Er zog mit seiner zweiten Ehefrau nach San Jancinto und betrieb dort eine Hühnerfarm. Nebenbei zeichnete er selbstverständlich weiter.
Von Disney-Lizenznehmer „Western Publishing“, bekam Carl Barks 1942 den Auftrag für sein erstes Comic-Heft "Donald Duck finds Pirate Gold", Four Color Comics 9. Danach erhielt er weitere Aufträge und wurde nach Seiten bezahlt. Für jede Seite erhielt Barks 12 Dollar und 50 Cents. Er begann auch die Stories seiner Geschichten selber zu schreiben und tat das bis auf wenige Ausnahmen seine ganze Karriere lang. Ab 1947 baute er Nebenfiguren in seine Geschichten ein, die immer wiederkehrten. So wuchs die Anzahl der Charaktere laufend weiter, wie auch Entenhausen weiter wuchs, das im Original „Duckburg“ heißt.
1952 lernte Barks seine nächste Ehefrau, Garé, eine Landschaftsmalerin, kennen. Sie unterstützte ihren Ehemann später auch beim „Lettering“ (dem Beschriften der Sprechblasen) und bei den Hintergrundbildern. Am 30. Juni 1966, 65 Jahre alt, beendete Barks seine langjährige Arbeit bei „Western Publishing“. Doch auf das Drängen seiner Fans hin malte er von 1971 bis 1976, als Disney die weitere Produktion verbot, 122 Ölgemälde mit Disneymotiven. Diese Gemälde wurden 1981 in „The Fine Art Of Walt Disney´s Donald Duck“ von Lizenznehmer „Another Rainbow“ veröffentlicht. Später begann Barks für „Another Rainbow“, einem Teil der „Bruce Hamilton Company“, Lithographien zu zeichnen. Im Herbst des Jahres 1991 erhielt Carl Barks von den Disney-Studios eine Auszeichnung als „Disney-Legende“.
Zusammenfassend kann man sagen, dass Barks 6215 Comicsseiten und 190 Cover zeichnete und 396 Skrips schrieb. In den Achtziger Jahren erschien auch noch eine 30-bändige Gesamtausgabe, publiziert von „Another Rainbow“. George Lucas sagte einmal über Carl Barks: „Die größte Quelle meiner Begeisterung von Carl Barks´s Comics liegt im Ideenreichtum seiner Geschichten. Diese sind so voll von verrückten Ideen - einzigartig und außergewöhnlich...“
1994, im Alter von 93 Jahren, verließ Carl Barks zum ersten Mal in seinem Leben Amerika. Seine Manager hatten für ihn eine Tour geplant, von Skandinavien über Deutschland, Italien und Frankreich, anläßlich der Eröffnung einer Ausstellung seiner Ölgemälde im Kopenhagener Nationalmuseum am 10. Juni 1994. Bei seinem Deutschland-Besuch traf er erstmalsaufdie deutsche Übersetzerin der Disney-Comics: Dr. Erika Fuchs. Carl Barks war beeindruckt von ihrer vornehmen und fürihr Alter äußerst munteren Art. Barks selbst arbeitete im Alter von 96 Jahren wieder an einer Comicgeschichte mit, „Somewhere in Nowhere“. Kurz nach seinem 98. Geburtstag veröffetnlichte Barks seine letzte Arbeit: „Ode an die Ducks“.
1999 wurde Carl Barks Lymphdrüsenkrebs diagnostiziert. Carl Barks starb am 24. August 2000, im Alter von 99 Jahren.

2.1.2. Barks beim Zeichentrickfilm

Eigentlich wechselte Barks 1935 nur deshalb zu Disney, da er sich beim Zeichentrickfilm eine sichere Anstellung erhoffte. Seine Stelle beim „Calgary Eye-Opener“ schien ihm in Zeiten der Depression nicht sicher genug. Als Zeichenproben schickte er vier Tuschezeichnungen mit Disney-Motiven (wovon zwei Micky Maus-Skizzen waren!) ein. Wie schon im vorherigen Kapitel erwähnt, bekam er nach einer Probezeit und Besuch der Disney-Zeichenschule, eine Stelle als Zwischenphasenzeichner. In den Disney-Studios wurde die Arbeit in spezielle Bereiche unterteilt. Die Zeichner im Story-Department waren für das Entwerfen der Handlung zuständig und fertigten Skizzen für die eigentlichen Zeichner an. Die Zwischenphasenzeichner kümmerten sich um die Bewegungsphasen der Einzelbilder (beim Film 24 Bilder/sec). Deren Bleistiftzeichnungen wurden vom „Inker“ getuscht. Die wichtigsten Szenen wurden von den Chef-Animatoren gezeichnet, die meistens schon jahrelange Zeichenerfahrung hatten und sich auf eine einzige Figur spezialisiert hatten.
Barks war sehr daran gelegen möglichst schnell eine andere Stelle bei Disney zu bekommen, da die Arbeit als „Inbetweener“ ähnlich der am Fließband war. Im Winter 1936 wurde Barks dann ins Story-Department versetzt, wo er ein Team mit seinem erfahrenen Kollegen Harry Reeves bildete. Reeves brachte Barks das Schreiben von Zeichentrickstories bei. Mit seinem späteren Schüler, Jack Hannah, schrieb Barks den Großteil seiner Filmskripte. Dieser hatte zwar keine Ahnung davon, wie man eine Story schrieb, wusste jedoch viel über Technik und Animation. So ergänzten sich Jack Hannah und CarlBarks prächtig und bildeten ein gutes Team. Barks war Co-Autor bei 35 Duck-Filmen, doch sein Entwurf für einen Micky Maus-Film wurde nie verwendet. Als aber nach dem Kriegseintritt der USA die Disney-Studios Propaganda-Filme produzieren mussten, und die Regeln im Betrieb immer strenger wurden, verlor Barks zunehmend Gefallen an seiner Arbeit. Auch aus gesundheitlichen Problemen, da ihm die Klimaanlagen in den Büros sehr zu schaffen machten, verließ er im November 1942 die Disney-Studios. Ein weiterer Grund dafür, dass er die Disney-Studios verlassen hatte, war, dass es Barks immer schwerfiel gute Arbeit zu leisten, wenn er mit anderen Leuten konkurrieren musste. Dass er sich nun allein mit den Geschichten beschäftigen konnte trug sicherlich wesentlich zu seinem Erfolg bei.

2.1.3. Wie er seine Geschichten zeichnete...

Barks fing im Frühling des Jahres 1943 an Disney Comics bei Western Publishing zu zeichnen. Die vergangenen sieben Jahre hatte er nur an Trickfilmen gearbeitet, was auch das Erscheinungsbild der Comic-Zeichnungen beeinflusste. Bei den Trickfilmen beschränkte man sich hinsichtlich der Details nur auf das Notwendigste. Das Wichtige an einem Zeichentrickfilm war es, komische Situationen aneinanderzureihen und auf eine Pointe hinzuführen. So waren auch die ersten Comic-Zeichnungen recht arm an Details. Wasser und Himmel stellte er vorerst nur als eine glatte Fläche dar. Da ein Comiczeichner viel weniger Bilder braucht, als einer der beim Film arbeitet (24 Bilder/Sekunde), begann er die Bilder mit mehr Details auszuschmücken. Auf einmal war der Himmel voller Vögel und man konnte die Brandung richtig sehen. Barks begann die Linienbreite und schwarze Flächen bewusst einzusetzen um bestimmte Effekte zu erzielen. Die äußeren Begrenzungslinien waren immer breiter als die inneren Linien. Manchmal variierte Barks auch innerhalb einer Linie die Breite, was ihr einen speziellen Schwung verlieh. Dicke Linien vermitteln den Eindruck von Schatten und räumlicher Tiefe, und stellen so eine deutliche Begrenzung dar. Schwunglinien, sogenannte „speed-lines“ wie beim Zuschlagen einer Tür, erzeugen den Eindruck von Bewegung.
Barks selbst zeichnete die Comics nur in Schwarzweiß, sie wurden erst später koloriert. Er erkannte die Wichtigkeit, dass Strichbreite, Schwarzweiß-Verteilung, die Paneleinteilung (Panel= einzelnes Comicbild) und das gesamte Seitenlayout eine Harmonie bilden müssen. Neben diesen Grundbausteinen sind in Barks´ Comics aber auch winzige Details eingebaut, die für den Fortgang der Geschichte unwichtig sind, jedoch von Barks´ Liebe zu seinem Beruf herrühren, wie z.B. ein Goldfisch mit Taucherbrille, ein sich umarmendes Vogelpärchen etc.
Ab 1955 veränderte sich das „Lettering“ (=Beschriftung der Sprechblasen) in Barks Comics. Ab diesem Zeitpunkt übernahm seine Frau Garé diese Arbeit.
Wie sich Donalds Charakter veränderte so veränderte sich auch sein Aussehen. Der Hals wurde kürzer und sein Schnabel bekam ein rundere Form. Ab 1957 wurden auch seine Beine, und natürlich auch die der anderen Enten, länger und die Gesichtszüge menschlicher. Im Gegensatz zu seinen vorangegangenen Variationen zwischen dicken und dünnen Linien, zeichnete Barks nun ausschließlich ganz dünne Linien. Auch verschwanden die vielen Details wieder aus seinen Bildern, es blieben nurnoch Schraffuren und Texturen über. Dieser Umstand lässt sich dadurch erklären, dass Barks nun schneller zeichnete als früher.

2.1.4. ... und schrieb

Barks wurde von den verschiedensten Comics beeinflusst, wie u. a. auch von „Popeye the Sailor“. An diesem faszinierten ihn aber weniger die Zeichnungen, sondern die Texte. Er fand den Aufbau, die Formulierung der Gags und die Charaktere, die seiner Meinung nach keinen Sinn ergaben, einfach lustig und faszinierend. Ansonsten standen aber die Zeichnungen für Barks im Vordergrund. Er sammelte gut gezeichnete Comic-Strips, wie die von Hal Foster und Flash Gordon.
Barks zeichnete sich vor allem durch die genaue Darstellung von Gefühlsregungen aus. Zynismus, Spott, Bestürzung,Hoffnung, Schrecken und Verzweiflung konnte man bei jeder Ente genauestens am Gesichtsausdruck erkennen. Er verstand es so kunstvoll mit Gefühlen zu spielen, dass man sich selbst in den Geschichten wiedererkennen und darüber lachen konnte, obwohlden Geschichten im Grunde eine tiefe Ernstheit zugrunde liegt.
Barks war froh darüber, eine Figur wie Donald Duck bearbeiten zu dürfen: „Ich denke, von all den Figuren, die Disneyje hatte, war Donald der Beste. [...] Er war eine Art Verlierer, aber einer, mit dem man sich identifizieren und den man gern haben konnte.“ Seiner Meinung nach war die Figur Donalds die, die man am besten ausbauen konnte. Er konnte Donald herumstoßen, verunglücken, und die absurdesten Dinge erleben lassen. Mit einer Figur wie Micky Maus (Mickey Mouse) wäre das nicht möglich gewesen. Micky war ein Held. Er eignete sich nur für Abenteuer- und Detektivgeschichten, bei denener letztendlich immer triumphierte. Bei Micky wäre es nicht möglich gewesen, dass ihm ein schlimmer Unfall passiert,oder er ein Verbrechen nicht erfolgreich aufklärt. Die Figur von Goofy, dem langen Lulatsch, und Mickys bestem Freund, behagte Barks am allerwenigsten. Für Barks war Goofy einfach ein Schwachkopf, und er fand es nicht komisch, sich über einen Dummkopf lustig zu machen.
Barks konnte also einige Erfahrung aus den Disney-Studios mitnehmen. Er lernte, das Wesentliche herauszusuchen, das eine Story ausmachte.

2.1.5. Vom Zeichentrickfilm zum Comicautor und -zeichner

Anfang 1943 kam er zu „Western Publishing“, einer Firma, die Disney-Comics in Lizenz produzierte. Die Comics wurden von „Western“ gestaltet und produziert, vertrieben wurden sie jedoch von der „Dell Publishing Company“. Seit den späten Dreißiger Jahren waren im „Mickey Mouse Magazine“ Nachdrucke der Zeitungs-Comic-Strips erschienen. Ab September 1940 wurde diese Heftreihe durch „Walt Disney´s Comics“ ersetzt. Auch hier erschienen anfangs Nachdrucke der Comic-Strips, doch bald wurden auch eigene 10-seitige Comic-Geschichten abgedruckt. So begann Barks im April für „Walt Disney´s Comics & Stories“ zu zeichnen und im Mai auch schon seine eigene Geschichten zu schreiben. Monatlich schrieb er Geschichten von zehn bis zwanzig Seiten Länge. Diese längeren Geschichten, sogenannte „One-Shots“, wurden in Einzelheften mit jeweils nur einer abgeschlossenen Geschichte veröffentlicht.
Der Aufbau der meisten Stories sah folgendermaßen aus: Oft ließ er sich zuerst ein Ende einfallen. Danach benötigteBarks ein paar Gags aus denen er sich dann das Grundthema bastelte. Danach weitete er dieses zu einer Geschichte aus. Damit die Leser nicht mitten auf der Seite das Interesse verlieren sollten, baute er die Geschichten folgendermaßen auf: „Ich versuchte, jede Seite, besonders im hinteren Teil der Story, mit einem kleinen Spannungsmoment enden zu lassen, das den Leser auf die nächste Seite neugierig machen sollte.“ Diese Vorgangsweise war für einen Comiczeichner etwas ungewöhnlich, doch Barks kam ja ursprünglich vom Zeichentrickfilm, wo er es nun einmal so gelernt hatte. Viele der Ideen sollen ihm aufgrund seines ziemlich abwechslungsreichen Berufslebens gekommen sein. Irgendwie hat er dann aus diesen Einzelteilen eine Geschichte zusammengebastelt. Wie - das konnte nicht mal er selber so genau sagen. Barks Ehefrau Garé erzählte, dass ihr Mann des öfteren mitten in der Nacht eine Idee für einen Comic hatte. Wiees aber auch mit Träumen ist, konnte er sich am nächsten Morgen nur noch daran erinnern, dass er eine fantastische Idee gehabt hatte. So fing er an sich Papier und Bleistift neben das Bett zu legen um seine Ideen sofort aufzeichnen zu können. Seine Frau musste ihm sogar sagen, dass er Licht aufdrehen sollte, damit er überhaupt sehen konnte, was er da tat.
Ebenso wie Barks am Anfang seiner Comic-Arbeit die Technik aus dem Zeichentrickfilm übernahm, so war auch der Charakter Donald´s im ersten Jahr der des Films ein dummer, aufbrausender Raufbold. Beim Film war es wichtig, dass alle paar Sekunden ein kleiner Höhepunkt die Zuschauer fesselte. Um die Übersicht zu bewahren hatte Barks ein großes schwarzes Brett, von den Maßen 1,2 x 2,4 m, auf dem er die einzelnen Seiten anheftete. So fiel es ihm leichter, schwächereSzenen auszuscheiden, und bei Bedarf die Geschichte ein bißchen umzustellen. Barks frühe Stories waren auch wie kleine Disneyfilme aufgebaut. Die Einzelbilder wirkten wie eingefrorene Filmszenen. Die Story war logisch und solide aufgebaut, und voll von Gags, von denen einer in den anderen überging. In der Mitte der Vierziger Jahre verschwand ein bißchen von der Action, die er aus den Filmstudios in seine neue Arbeit mitgenommen hatte.

2.1.6. Die Geschichten werden komplexer

Anfangs war der Schwerpunkt der Geschichten mehr in den Witzen und dem Konflikt zwischen Donald und seinen drei Neffen gelegen. Ende der 40er Jahre begann sich Barks nun mehr auf das Gleichgewicht zwischen Dialogen und Zeichnungen zu konzentrieren. Er schuf Geschichten mit einer perfekten Mischung aus Witz und Abenteuer, in denen die Neffen oft ihren Onkel retten mussten. Die Abenteuergeschichten begannen mit einer witzigen Einleitung, in der Mitte wurde es abenteuerlich und am Ende kam alles zu einem Happy End. Text und Dialoge wurden wichtiger und die Sprache wurde der Schlüssel zur Persönlichkeit einer Figur. Donald Duck vollzog langsam eine Wandlung von der eindimensionalen Film-Ente in eine komplexere, menschliche (!) Ente. Die längeren Geschichten werden eher als die besseren angesehen, da Barks seine Kreativität bei ihnen voll Entfalten konnte. Die Figuren erobern exotische Schauplätze, Donald wird dadurch weltgewandter und mutiger. Leider gerät er durch leichtsinnige Aktionen oft in Schwierigkeiten, aus denen ihn dann seine Neffen retten müssen. Einige von Barks Abenteuergeschichten beruhen auch auf Mythen und Legenden. Tick, Trick und Track werden Mitglieder des Fähnlein Fieselschweif, eine Anspielung auf die weltweite Organisation der Pfadfinder. Dadurch erwerben sich die Neffen eine Menge praktisches Wissen, welches sie zum Teil auch aus ihrem „Schlauen Buch“, dem Pfadfinderhandbuch, schöpfen. Dadurch entsteht eine neue Art des Wettkampfes mit ihrem Onkel, und nicht selten sind sie ihm wirklich überlegen.

2.1.7. Die Weiterentwicklung der Charaktere

Wie auch Barks´ Arbeit sich im Laufe der Jahre weiter entwickelte, so entwickelten sich auch die von ihm gezeichneten Charaktere weiter. Die Beziehung Donalds zu seinen drei Neffen verstand er auf zwei verschiedene Arten zu gestalten. In den langen Abenteuergeschichten machte er sie zu Verbündeten, während sie in den kürzeren Stories offen ihreKonflikte austragen konnten. Dieser Umstand half den Kindern sich besser mit den Figuren der drei Neffen identifizieren zu können, da ja auch Kinder einerseits ihre Probleme mit den Eltern haben, andererseits auch schon als Kinder recht erwachsen wirken können.
Eine zeitlang gestaltete Barks die Geschichten nach einem Freund-Feind Muster, in denen die Ducks den „Gneezles“ (koboldähnlichen Gestalten) gegenüberstanden. Doch später ging es in den Geschichten vor allem um die Beziehungzwischen Donald und seinen Neffen, Dagobert und Gustav. Bösewichter traten nun seltener auf.
Barks hatte aus Donald einen „richtigen Menschen“ gemacht. Es war ihm wichtig, dass die Figuren menschliche Züge hatten, damit die Geschichte an Substanz gewinnen konnte. Außerdem sollte die Figur für ihre Taten ein Motiv haben, ebenwieein richtiger Mensch. Sie sollte Erfolge haben und auch Rückschläge einstecken müssen. Es war Barks nicht wichtig, dass er anfangs für das Zeichnen dieser Ente nicht besonders viel bezahlt bekam. Ein Arbeitskollege bei „Western Publishing“, der für einen New Yorker Verlag Krähen zeichnete, sagte ihm, dass er verrückt sei, sich mit so einer Ente zubeschäftigen. Bei diesem Verlag hätte Barks doppelt soviel pro Seite verdient, wie bei seiner Arbeit bei „Western Publishing“. „Aber ich mochte diese Krähen nicht, das waren einfach ein paar aufdringliche Widerlinge, und ich sah keine Chance, dazu Geschichten zu erfinden, die Charakter hatten, oder irgendeine Dramaturgie. Ich dachte mir, da bleibe ich lieber zu Hause und arbeite weiter mit meinen Enten, hole mir mein Gehalt ab wie bisher und habe dafür ein wenig persönliche Befriedigung.“

2.1.8. Neue Charaktere entstehen

Wie die Figur Donalds, übernahm Barks vorerst viele Charaktere aus den Donald-Filmen. Doch bald begann er sich auch selbst neue Charaktere auszudenken. 1947 trat Dagobert Duck, die reichste Ente der Welt, in das Geschehen ein. Im Jahre 1952 bevölkerte schon eine ansehnliche Zahl an Figuren Entenhausen, das im Original Duckburgh heißt, wie z.B. die Panzerknacker (Beagle Boys), Gustav Gans (Gladstone Gander) und Daniel Düsentrieb (Gyro Gearloose). Dagobert Duck, Gustav Gans und Daniel Düsentrieb verkörpern amerikanische Grundvorstellungen: Wohlstand, Glück und Technik. Barks´ Geschichtenwurden durch die Einführung neuer und starker Charaktere besser. Schon früher hatte es einige Nebenfiguren gegeben, die sich jedoch alle nicht sehr lange hielten, wie z.B Donald´s streitlustiger Nachbar Jones (u.a. Zorngiebel). Dass in den Barks-Geschichten vornehmlich nur Enten vorkommen lässt sich ganz einfach dadurch erklären, dass es nun einmal seine Aufgabe war, „Duck-Comics“ zu zeichnen. Es war Barks immer ein Anliegen seine eigenen Figuren zu erschaffen. Er wollte keine Figuren aus den anderen Comic-Reihen übernehmen. Micky, Goofy und Pluto hatten ihre eigenen Comic-Reihen und ihre eigenen Charaktere. Trotzdem erschuf Barks hin und wieder auch einige Figuren, die keine Enten sind. Die Beagle Boys (Panzerknacker) sind Hunde, Gyro Gearloose (Daniel Düsentrieb) ist ein Huhn, und ab und zu traten auch ein paar Figuren mit Schweinegesichtern auf.
Barks Anliegen jedoch war es nicht eine eigene in sich geschlossene Welt zu erschaffen. Wie an dem Beispiel von Donald Duck zu bemerken ist, ändern sich die Umstände und Hintergründe der Figuren von Geschichte zu Geschichte. Einmal arbeitet Donald in einer Margarinefabrik, ein andermal schwitzt er unter seines Onkels Fittichen Blut, ein andermal geht gar nicht hervor, ob er überhaupt Arbeit hat. Das wichtige an den Stories ist, dass egal in welcher Situation eine der Figuren gerade steckt, doch der Charakter und die Persönlichkeit immer dieselbe ist. Donald bleibt immer ein etwas fauler, hitzköpfiger Verlierer und Onkel Dagobert immer der warmherzige, alte Geizkragen.
Auch von ihrer Heimatstadt, Entenhausen, könnte man keinen genauen Stadtplan zeichnen. Barks stellte sich Entenhausen aber immer als Kleinstadt vor. Ein Hinweis in der Geschichte „The Gilded Man“ von Carl Barks deutet darauf hin, dass sich die Stadt Entenhausen im Staat „Calisota“, USA, befindet. In Entenhausen findet man vor allem die Häuser von Donald Duck, Daisy Duck und Gustav Gans, wie auch die Werkstatt von Daniel Düsentrieb. Das Zentrum von Entenhausen stellt der riesige, auf einem kleinen Hügel erbaute Geldspeicher Dagobert Ducks dar. Zwar tauchen in manchen Geschichten auch andere Hochhäuser auf, doch werden diese oft nur für einzelne Geschichte benötigt. Entenhausen und seine Charaktere mussten zwangsläufig immer weiter wachsen, um neuen Stoff für die Stories zu bekommen.

2.1.9. Die Authentizität der Geschichten

Barks betrieb immer gründliche Nachforschungen über die Orte und Namen, die er in seinen Geschichten verwendete. Dabei waren ihm die „National Geographic“-Zeitschriften von großer Hilfe. Er fand es nicht besonders sinnvoll, die Figurenzu Inseln reisen zu lassen, die den Namen „Booga Booga“ trugen. Vielmehr wollte Barks einen Bezug zur Realität herstellen. Die Geschichten sollten an Orten passieren, die es auch in Wirklichkeit geben könnte. So konnte man das Interesse der Leser schon dadurch erregen, da sie mehr über einen bestimmten Ort erfahren wollten, was die Menschen dort tun und wie sie leben. Die Mischung der genauen Nachforschungen und des „Funny-Animal“-Stils, den Barks in den Disney-Studios gelernt hatte, ergaben Barks einzigartigen Stil, der auch dem durchgeknalltesten Comic etwas reales gab. Auch für die Bildhintergründe betrieb Barks genaue Nachforschungen, und ließ in den Stories auch nur Pflanzen wachsen und Tiere leben, die es an so einem Ort wirklich geben könnte. Einmal hatte Barks aber zu genau nachgeforscht. Er ließ Donald eine chemische Formel erfinden, die, wie es sich herausstellte, wirklich existierte und ein „Top Secret“ Militärgeheimnis der USA war. Dabei hatte Barks sich nur aus der „Encyclopädia Britannica“ eine ellenlange chemische Formel herausgesucht, ein paar Teile herausgenommen, und dann wieder zusammengebastelt. Carl Barks ließ in seine Geschichten auch immer wieder einfließen, dass „egal wie schlimm das Problem ist, es irgendwann wieder verschwinden wird. Dass alle Arten von Sorgen und Problemen zeitlich begrenzt sind.“

2.1.10. Der Höhepunkt war erreicht

Mitte der Fünfziger Jahre wurden die Geschichten seiner Zehnseiter ruhiger. An die Stelle von Action und Abenteuer traten Slapstick und Situationskomik. Doch die Qualität seiner Geschichten ließ langsam immer mehr nach, doch trotzdem weniger als sie bei anderen Comiczeichnern verloren ging. Ende der Fünfziger Jahre verlegte er einen großen Teil seiner Geschichten ins Weltall. Doch es gelang ihm nicht, sie so realistisch wirken zu lassen wie früher. Dass Barks´ Höhepunkt im Schreiben von Comicstories vorbei war mag viele Gründe haben. Die Ideen für Geschichten wurden weniger und im Verlag gab esProbleme. Außerdem musste der Verlag Geld sparen, und Barks bekam nur noch minderwertiges Zeichenpapier für seine Arbeit zur Verfügung gestellt. Irgendwie schien Barks die Freude an seiner Arbeit verloren zu haben. Ihm schwebte der Gedanke einer neuen Comicreihe vor, der „Space family Robinson“. Den Höhepunkt seiner Arbeit ungefähr in der Mitte der Fünfziger anzusiedeln mögen auch die Statistiken zeigen. „Walt Disney´s Comics“ hatten im September 1953 die höchste Auflage, von 3 Millionen Exemplaren.
Das wichtigste für Barks war immer die Geschichte an sich. Barks schrieb bei nahezu allen seiner etwa 500 Comic-Geschichten die Story selbst. Selten nahm er auch Anstöße von anderen in seine Geschichten auf. So war Barks vor allem ein Comic-Autor. Die Bilder waren einfach nur die bildhafte Darstellung seiner Ideen. Barks war bei weitem kein Naturtalent als Zeichner, oft meldeten sich Kritiker zu Wort, die seine Bilder als zu trocken und unbeweglich abtaten. Doch seine Stärke lag vor allem in der Kombination von Zeichnung und Text. Im Laufe der Vierziger Jahre wurden auch die Dialoge gehaltvoller, sodaß auch Erwachsene auch Jahre nach dem ersten Lesen ihren Spaß daran haben konnten, da sie erst jetzt den versteckten Witz darin erkannten.
Dreizehn Jahre lang bis in den Mai 1964 schrieb Carl Barks Monatshefte. Seine Arbeit ist sicherlich als sehr produktiv zu bezeichnen. In einem Jahr zeichnete er 258 Seiten Comic und 15 Titelbilder, schrieb 249 Seiten Text und dachte sich vier Gags für Titelbilder aus.