2. Die Schöpfer

2.4. Erika Fuchs

Treffen zwischen Erika Fuchs und Carl Barks Erika Fuchs übersetzte nicht nur Donald Duck-Geschichten sondern auch „Micky Maus“, „Die Sonderhefte der Micky Maus“, „Mickyvision“ und „Walt Disneys wunderbare Welt: Land der Fantasie“ ins Deutsche. Da diese FBA jedoch die Familie Duck zum Thema hat, wird nur ihre Arbeit an diesen Comicgeschichten ausführlicher beschrieben. Der bedeutendste Teil ihrer Arbeit bestand in der Übersetzung von „Die tollsten Geschichten von Donald Duck“ (in der Kurzform TGDD, heute „Donald Duck Sonderheft“). Diese Heftreihe befasste sich vor allem mit der Veröffentlichung der Barks-Stories.

2.4.1. Lebenslauf

Erika Petri wurde am 7. Dezember 1906 in Rostock geboren. Ihre Mutter Auguste Petri stammte aus München und war von Beruf Lehrerin wie auch ausgebildete Sängerin. Da Erikas Vater Direktor der Überlandwerke (Elektrizitätswerke) war, war die Familie Petri recht wohlhabend. Die Familie Petri übersiedelte nach Reichenbach in Schlesien und zog später nach Belgard (Bialogard, im heutigen Polen) um. Dort lebte Erika Petri bis zu ihrem Abitur. Die Schule bildete den Mittelpunkt ihrer Jugend. Ab 1913 besuchte Erika die Höhere Töchterschule, deren Lehrer dieselben waren, die sie auch schon in der Volksschule unterrichtet hatten. Erika Petri empfand diese Art der Ausbildung als etwas „sehr mieses“. Doch dann bekam sie in den Fächern Deutsch und Geschichte eine Studienrätin, die den Mädchen die wunderbare Welt des Wissens eröffnete. Ab diesem Zeitpunkt war Erika klar, dass auch Frauen in ihrem Leben etwas erreichen können. 1921, im Alter von 14 Jahren fassten Erika und eine ihrer Freundinnen den Beschluss, die Höhere Töchterschule zu verlassen um aufs Gymnasium, das allerdings nur von Buben besucht wurde, zu wechseln. 1922 bestand Erika die Aufnahmeprüfung in die Untersekunda und 1926 machte sie am Gymnasium ihr Abitur. Danach begann Erika Kunstgeschichte und Archäologie zu studieren. Aufgrund ihres regen Interessens an Fremdsprachen zog es Erika schon währdend des Studiums ins Ausland. Sie studierte in Lausanne, München, London und Florenz. Ihre Doktorarbeit schrieb Erika Petri 1935 über den Barockbildhauer Michael Feichtmayr. Die Promotion war die einzige wissenschaftliche Arbeit, die Erika Fuchs je verfasste. 1932 heiratete Erika Petri den Fabrikanten und Erfinder Günther Fuchs und übersiedelte nach Scharzenbach an der Saale. 1934 wurde ihr erster Sohn Thomas geboren, vier Jahre später der zweite Sohn, namens Nikolaus.
Nach Kriegsende gründete Erika Fuchs zusammen mit anderen Eltern eine Schule in Schwarzenbach an der Saale. Ebenso wurde eine Elternvereinigung gegründet, die Erika Fuchs zur Vorsitzenden wählte. Fuchs schickte ihre beiden Söhne jedochspäter auf ein Internat. Sobald ihr Interesse an der Erhaltung der Schule geschwunden war, fehlte auch die wichtigste Triebfeder und die Schule wurde bald geschlossen.
1974 übersiedelte Erika Fuchs nach München-Gern, in die Nähe des Nymphenburger Schlosses. Nach dem Tod ihresMannes1984 zog sie vollends nach München.

2.4.2. Die deutsche Übersetzerin der Disney-Comics

Als ihre Kinder erwachsen geworden waren suchte Erika Fuchs nach einer neuen Beschäftigung bzw. Herausforderung. Obwohl sie nie Geldsorgen gehabt hatte und es aus finanzieller Sicht nicht nötig gewesen wäre, dass sie sich eine Arbeit suchte, gefiel Erika Fuchs der Gedanke an Selbständigkeit und Unabhängigkeit. Da sie sich schon in ihrer Freizeit mit Übersetzungen beschäftigt hatte, bewarb sich Erika bei „Reader´s Digest“ als Übersetzerin. Sie wurde als freie Mitarbeiterin angestellt und bekam Artikel zugeschickt, die sie übersetzen sollte. Doch durch die Rückkehr vieler Kriegsgefangener verschlechterte sich die Aufragslage für Erika Fuchs zusehens. 1951 hatte sie erneut Probleme, Artikel zur Übersetzung zu bekommen. Erika kam mit dem Geschäftsführer von Reader´s Digest ins Gespräch, und erzählte von ihrer Betätigung imElternverein in Schwarzenbach an der Saale. Der Geschäftsführer hatte nun den Eindruck, einer Pädagogin gegenüber zu sitzen (nicht zuletzt auch wegen ihres Doktortitels) und schon hielt Erika Fuchs den ersten Stapel „Micky Maus“-Hefte ihres Lebens in Händen! Erika Fuchs war kurzerhand zur Chefredakteurin der „Micky Maus“ erklärt worden.
Anfangs war Erika Fuchs, die als Tochter eines vornehmen Hauses Comics nicht kannte, von ihrer neuen Aufgabe nicht so recht begeistert. Auch wird sie das Erscheinungsbild der amerikanischen Orginale etwas erschreckt haben, da diese im Gegensatz zu den Heften, die man im deutschen Sprachraum findet, eine mindere Qualität aufweisen. Für Erika Fuchs war esebensowenig vorstellbar, dass die „Micky Maus“-Hefte Erfolg haben könnten. Dies sagte sie allerdings auch, als man bei Ehapa anfing, „Asterix“-Hefte zu publizieren. Da diese ja bekanntermaßen auch ein Erfolg wurden, deutete ein Urteil Erika Fuchs´ zum Mißerfolg auf gute Erfolgschancen hin. Da das Angebot Chefredakteurin der „Micky Maus“ zu werden jedoch das Einzige war und Erika Fuchs Geld verdienen wollte, entschloss sie sich diese Arbeit zu übernehmen. Außerdem begann sie nach einiger Zeit Freude an ihrer neuen Arbei zu finden! So wechselte Erika Fuchs von „Reader´s Digest“ zum Ehapa Verlag (benannt nach dem Firmengründer Egmont H. Petersen, in Österreich „Egmont Verlag“), der 1951 von der dänischen „Gutenberghus“-Gruppe gegründet worden war. Im September 1951 wurde das erste deutsche „Micky Maus“-Heft veröffentlicht, welches vollständig von Erika Fuchs übersetzt worden war. Anfangs suchte Erika Fuchs die meisten Comics noch selbst aus, die sie dann übersetzte. Ihr lag vor allem viel daran, dass sie nicht brutal sein und keine sexuelle Anspielungen beinhalten sollten, sondern, dass sich die Comics durch reichen Wortschatz auszeichnen sollten. Das war vor allem deshalb wichtig, da die „Micky Maus“ eine Kinderzeitschrift war und die Kinder bei deren Lektüre etwas lernen sollten.
Da dem Verlag die Anschaffung der amerikanischen Originalausgaben anscheinend zu teuer gewesen war, wurden Erika Fuchs großteils schwarzweiß Kopien der Hefte vorgelegt. So waren ihr die Farben der Comics unbekannt. Das erklärt auchhinund wieder auftretende Ungenauigkeiten, wenn in dem ersten Panel der Neffe mit der roten Kappe in Aktion zu sehen ist, im nächsten jedoch der Neffe mit der blauen Kappe auftritt. Ebenso ließen sich bestimmte Wortspiele nicht verwenden. In den Originalheften wurden die Sprechblasentexte mit der Hand geschrieben. Wörter, die besonders betont werden sollten, wurden größer und fett geschrieben. Der Sprechblasentext in den deutschen Ausgaben jedoch wurde in einer einheitlichen Schriftgröße gesetzt. Diese Unterschiede wurden ebenfalls in die Übersetzung eingearbeitet und veränderten dementsprechend Wortlaut und Erscheinungsbild. Erika Fuchs ging dann beim Übersetzen folgendermaßen vor: Zuerst fertigte sie schnell eine ziemlich ungenaue Rohübersetzung an, um Einblick in das Thema zu bekommen. Danach feilte sie an den verschiedenen Passagen herum, bis ihr etwas Passendes einfiel. Zum Schluss wurde der Text umgestellt, um gut in die Sprechblasen zu passen, und numeriert. Mit den Originalheften arbeitete Erika Fuchs nur kurze Zeit. Danach bekam sie die Comics mit leeren Sprechblasen, der Text dazu befand sich auf einem separaten Zettel.
In den späten achtziger Jahren bekam Erika Fuchs Sehprobleme (15 Dioptrien) und musste etwas zurückstecken. Aufgrundihrer eingeschränkten Sehkraft musste sich Erika Fuchs auf die Texte konzentrieren, die ihr am wichtigsten schienen, die zehnseitigen Donald Berichte der „Micky Maus“, das „Goofy“-Magazin und das „Donald Duck Sonderheft“. Um Erika Fuchs zu unterstützen begann ihr Enkel die Rohübersetzungen der Texte anzufertigen. Später beschäftigte sie sichnurnoch mit den bisher noch unübersetzten Barks-Stories, von denen manche aber schon von anderen Zeichnern ausgeführt worden waren. Die Barks-Stories werden schon seit einigen Jahren in der „Barks Library“ gesammelt. 1988 legte Erika Fuchs ihr Amt als „Micky Maus“-Chefredakteurin zurück. Ihre Nachfolge trat Dorit Kinkel an.

2.4.3. Wieso $crooge zu Dagobert wurde

Erika Fuchs war es ein großes Anliegen die Comics, die ja aus den USA stammten, den deutschsprachigen Lesern so zu präsentieren, dass auch dieser Kulturkreis etwas damit anfangen konnte. Im Klartext: Da die Mentalität, die Kultur und die Sprache von Land zu Land verschieden sind, hatte Erika Fuchs die schwierige Aufgabe, diese Texte und Bilder auch den deutschen Lesern schmackhaft zu machen. Um ein Beispiel zu nennen: mit den meisten Namen, die den amerikanischen Lesern geläufig waren, hätte kaum ein deutschsprachiger etwas anfangen können. So war es wichtig den Figuren aussagekräftige Namen zu geben, die teilweise für sich selbst sprachen. Ein kleines Problem war aber, dass einige Namen die in Deutschland bekannt sind Österreichern und Schweizern wieder weniger sagten. Die meisten Namen waren Erika Fuchs vorgegeben und durften nicht verändert werden: Donald Duck, Daisy Duck sowie Tick, Trick und Track (die im Original Huey, Dewey and Louie heißen). Scrooge McDuck, dessen Vorbild in Amerika jedermann bekannt ist, aber im deutschen Sprachraum nur einigen geläufig, taufte Erika Fuchs auf den Namen Dagobert Duck, nach dem Merowingerkönig. Der Name Gundel Gaukeleys (Magica de Spell), der Hexe, die nach Dagobert´s geliebten Glückszehner trachtet, entsprang direkt Erika Fuchs´ Phantasie. Der Name ist eine Mischung aus „gaukeln“ und „Loreley“. Gyro Gearloose wurde zu Daniel Düsentrieb, dem mehr oder weniger genialen Erfinder. Es fällt auf, dass die Namen bei Erika Fuchs fast gänzlich Alliterationen sind, d.h. die einzelnen Teile der Namen beginnen mit demselben Buchstaben. Die Namen bei Erika Fuchs geben auch Aufschluß über den Charakter der jeweiligen Person. Dussel Duck z.B. bedeutet, dass es sich um eine etwas dümmliche Person handelt.
Im amerikanischen Original sprechen alle Figuren in derselben Umgangssprache. Erika Fuchs fand es nicht ratsam, dasselbe mit deutschen Dialekten zu versuchen, da es so viele und verschiedene gibt. Sie gab stattdessen jeder Figur die Sprache und Ausdrucksweise, die ihrem Alter und der sozialen Schicht entsprechen. Für Donald Duck, der im Original amerikanischen Slang spricht, wählte sie in der Übersetzung eine etwas gehobenere Sprache. Ab und an versucht Donald auch sein lädiertes Selbstwertgefühl durch ziemlich hochgestochene Redeweise zu heben. Tick, Trick und Track, die Kinder und Jugendliche repräsentieren, sprechen auch wie Kinder. Dagobert Duck, der die ältere Generation vertritt, spricht Hochdeutsch und drückt sich gewählt aus. Seine Sprache verleiht Dagobert auch die Autorität des Geschäftsmannes und des Familienoberhauptes.
Nach der Meinung von Erika Fuchs ist es bei einer Comic-Übersetzung das Wichtigste, dass sich der Leser amüsiert, wohingegen es bei einer reinen Textübersetzung vor allem auf die Wahrung des Stils des Autors ankommt. Deswegen ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass Erika Fuchs die Übersetzung oft inhaltlich veränderte. Die meisten Redewendungen sind zwar in Amerika bekannt und beliebt, doch unter einer wörtlichen Übersetzung hätte der Wortwitz gelitten. „Der Witz dieser Texte, der liegt ja eigentlich immer in Dingen, die nicht übersetzbar sind, nicht, entweder in Wortspielen oder in Slang oder in Anspielungen auf bestimmte Vorkommnisse oder besondere Verhältnisse in dem Land. Man lacht auch in jedem Land über etwas anderes.“ Deshalb mussten auch manche Passagen etwas freier übersetzt werden. Dabei ging leider auch etwas von der Ironie der Bark´schen Texte verloren, da Erika Fuchs manches gerne durch klassische Zitate ersetzte. Oft wurde sie dazu durch die für sich selbst sprechende Bildersprache inspiriert, vor allem durch die Gesichtsausdrücke.
Typisch für Erika Fuchs war der Gebrauch des verkürzten Infinitivs. Es wurde Erika Fuchs von manchen Leuten auch zugeschrieben die Erfinderin dieses Stilmittels zu sein. Dabei hat sie nur Wörter wie „crash“ mit „Krach“ übersetzt und nicht mit „Krachen“, was sicherlich im Sinne des amerikanischen Autors war. Erika Fuchs aber, wandte dieses Stilmittel auch auf Worte an, die keinen lautmalerischen Stamm haben, wie z.B. grübeln und seufzen. Bei der Übersetzung richtete sich Erika Fuchs nicht direkt an eine Zielgruppe. Für die Kinder war die Action bestimmt. Die tiefgründigeren Elemente, die man beim oberflächlichen lesen leicht übersieht, die sind auch für die älteren Leser bestimmt.