3. Die Charaktere

3.1. Donald Duck

3.1.1. Zeichentrickfilme, Comic-Strips und Comic-Hefte

Donald Fauntleroy Duck, die wohl bekannteste Ente der Welt, trat zum ersten Mal am 9. Juni 1934 in dem „Silly Symphony“-Cartoon „The wise little hen“ auf. 1935 spielte er eine Nebenrolle in dem Micky Maus Film „The Band Concert“ eine Art Gegenspieler von Micky Maus, und schon ein Jahr darauf war Micky Maus nicht mehrder unerreichbare König des Zeichentrickfilms. Der temperamentvolle Donald wurde bald von den Menschen ins Herz geschlossen, und bekam wenig später seine eigene Comic-Reihe. Schon in den Vierziger Jahren übertraf Donald Duck mit 128 Cartoons Micky Maus und trat in weiteren 42 Spiel- und Kurzfilmen auf. Seine Filme liefen in 76 Ländern in den Kinos und wurden von 29 Ländern im Fernsehen ausgestrahlt. Donald Duck Filme wurden mit 25 Filmpreisen ausgezeichnet, wurden 11malfür den Oscar nominiert und 1943 erhielt ein Film sogar den Oscar. Ab den Vierziger Jahren wurden nun regelmäßig etwasieben Donald Duck Filme pro Jahr produziert. Erst in den Fünfziger Jahren, als die Kinos begannen anstatt der Comics vor allem Real-Vorfilme zu spielens, verschwand der Zeichentrickfilm aus den Kinos und eroberte das Fernsehen.
Da von Donald´s Sprache in den Filmen mehr als die Hälfte unverständlich war und auch keinen allzuwichtigen Teil der Handlung darstellte, da diese vor allem auf Gags aufgebaut war, kam es selten zu richtigen Dialogen. Das meistewurde oft pantomimisch dargestellt und wenn, dann gab es kurze Dialoge mit starken Worten wie großartig (magnificant) und erstaunlich (stupendeous).
Es darf nicht unbeachtet bleiben, dass an der Entstehung einer Zeichentrickfigur niemals nur eine Person beteiligtwar und ist. Besonders bei der Disney Company wurde äußerst viel Wert auf Teamarbeit gelegt. An der Entstehung von Donald Duck waren somit Regisseure, Trickfilmzeichner, Story men (für die Geschichte verantwortlich), Stripzeichnerund-autoren beteiligt. Großen Einfluss auf Donald hatte vor allem das Duo Jack Hannah und Carl Barks, die an 27 Kurzfilmen mit Donald mitarbeiteten. Beide brachten eine enorme Portion Phantasie und Kreativität in die Arbeit mit und erfandenso vergnügliche, mitunter sogar bizarre Handlungen, die leicht ins Chaos ausarteten. Jack Hannah wurde später Regisseur undverhalf Donald auch zum Sprung ins Fernsehen.
Ob die Figur Donald Duck auch in gedruckter Form seine Anziehungskraft ausüben kann wurde einige Monatelang, ab dem 16. September 1934, auf den Sonntagseiten der Zeitungen getestet. Der Film „The Wise Little Hen“ erschien als Comic-Strip der „Silly Symphonie“-Seiten. Ab dem 30. August 1936 wurde der Titel in „Silly Symphonie featuring Donald Duck“ (Donald Duck in der „Hauptrolle“) umgeändert. Der Text stammte von Ted Osborne und die Zeichnungen von Al Taliaferro. 1937fiel der Titel „Silly Symphonie“ gänzlich weg und die Seite hieß nur noch „Donald Duck“. Doch Ende des Jahres1937, am 5. Dezember, verabschiedete sich Donald Duck von den „Silly Symphonie“-Seiten. Ab dem 7. Februar 1938 hatte Donald nämlichseinen ersten eigenen Comic-Strip, den „King Features“ an mehrere Tageszeitungen verkaufte. Der Text stammte von Bob Karpund die Zeichnungen von Al Taliaferro. Diese beiden bildeten 30 Jahre lang ein erfolgreiches Team und Bob Karp textetesogar bis 1974 weiter und Al Taliaferro zeichnete bis zu seinem Tod im 1968. Am 10. Dezember 1939 erschien sogar ein farbiger Comic-Strip auf den Sonntagsseiten der Zeitungen. Der Aufbau der Comic-Strips erfolgte ähnlich dem der Filme.Die Handlung war vor allem auf Katastrophen aufgebaut, die von kurzen Momenten der Erholung, z.B. durch Angeln, unterbrochenwurden. Donald Duck ist hauptsächlich „der“ Pechvogel und hat vornehmlich schlechte Laune. Bald war Donald in den Comic-Strips von seiner Verwandschaft umgeben: Tick, Trick und Track, Daisy, Franz Gans, Oma Duck und 1960 fand auch Dagobert Duck, den Barks schon 1947 erfunden hatte, mit der Rolle des Familienoberhauptes in die Sonntags-Strips Einzug. Die Wochentags-Strips beehrte er erst 1961. Wo anfänglich vor allem auf visuelle Eindrücke wertgelegt wurde,bekamen im Laufe der Zeit die Dialoge einen größeren Stellenwert und der Wortwitz nahm zu, wie z.B.: „Donald: `Ichhabe einen größeren Gehaltsscheck verdient!´
Dagobert: `Einverstanden. Ist 11 mal 14 cm genug?´“
1938 eroberten Comics ein neues Medium: Das Comic-Magazin. Nicht nur Donald Duck erschien ab 1938 als schwarzweiß Comic im Pappeinband, auch andere Comichelden bekamen nach und nach ihr eigenes Heft. 1940 erschien Donald Duck das erste Mal auf einem Cover der Comicreihe „Walt Disney´s Comics and Stories“ herausgegeben vom „Dell“ Verlag. Ab 1942 arbeitete Carl Barks, an dem ersten Heft zusammen mit Jack Hannah, und danach allein an den Donald Duck Comics für Western Publishing.


FILME

09.06.1934 Film "The Wise Little Hen", erster Auftritt von Donald Duck (wohnt auf einem Hausboot) COMIC-StrIPS
11.08.1934 "Orphan's Benefit", weiterer Auftritt zusammen mit Micky Maus 16.09.1934 - 16.12.1934 Comic-Strip-Version von "The Wise Little Hen" in Comic-Beilagen der amerikanischen Sonntagszeitungen
23.02.1935 "The Band Concert", erster Farbcartoon 10.02.1935 Donald Duck auf Floyd Gottredson's "Mickey Mouse"- Sonntagsseiten
12.09.1936 "Donald And Pluto", Donald erstmals solo 30.08.1936 - 15.12.1937 Donald in "Silly Symphonies"- Seiten, Text: Ted Osborne, Zeichnungen: Al Taliaferro
10.12.1937 "Donald's Ostrich", eigene Reihe, läuft bis 1961, insges. 128 Filme 1937 Donald Duck verlässt die "Silly Symphonies"-Seiten COMIC-MAGAZINE
07.02.1938 Donalds eigener Comic- Strip, wird täglich in Tageszeitungen abgedruckt, Text: Bob Karp, Zeichnungen: Al Taliaferro 1938 Donald Duck Geschichten in in schwarzweiß mit Pappeinband
10.12.1939 Eigene farbige Sonntagsseite, Text: Bob Karp, Zeichnungen: Al Taliaferro
Ab Sommer 1942 "Donald Duck Finds Pirate Gold" wurde nie abgedreht, Story für ein Comic-Heft, Text: Bob Karp, Zeichnungen: Jack Hannah/ Carl Barks

3.1.2. Donalds vielseitiger Charakter

Donald Duck Donald ist gekennzeichnet durch sein hitziges, aufbrausendes Temperament. Die Gags, die bei Donald´s Auftreten immer wieder entstehen, sind natürliche Ergebnisse seiner Persönlichkeit, da er ja auch von Natur aus ein zänkisches Wesen besitzt. Er hat ein gutes Herz, doch sobald sich ihm etwas in den Weg stellt rastet er sofort aus. Er scheut sich nicht seine Gefühle und seinen Gemütszustand zu zeigen. Donald zeigt wenn er verärgert, verzweifelt, vergnügt oder verträumt ist und er eine bestimmte Hoffnung hegt, ohne sich dabei zu verstecken. Obwohl er zwar die Rolle eines Verlierers verkörpert, ist er doch immer gewillt, sich der Situation zu stellen und für seine Rechte zu kämpfen. Carl Barks war immer schon fasziniert von der Macht des Geldes und des Glücks, verkörpert von Dagobert Duck und Gustav Gans. Doch Donald, der ewige Verlierer, besitzt eine eigene innere Stärke und wächst durch jedes neue Versagen. Er hat eine ziemlich niedrigeFrustrationsgrenze und jeder Widerspruch kann in einem wahren Schimpfbombardement enden. Sein aufbrausendes Temperament machte ihnfür den Film besonders interessant. Sein Körper war ständig in Bewegung. Durch seine komische Persönlichkeit zog Donald von Anfang an die Aufmerksamkeit auf sich. Im Grunde genommen ist Donald Duck zwar eine Ente, doch nach jahrelanger Charakterentwicklung wurde er immer menschlicher. Seine ungeheure Anziehungskraft geht von seiner Menschlichkeit aus. Er ist einfach eine Persönlichkeit mit der man sich identifizieren kann.
Ein anderer auffallender Charakterzug ist seine grenzenlose Faulheit. Seine Lieblingsbeschäftigung, wenn er nicht gerade mit Onkel und Neffen auf einer Weltreise ist, oder seine Schulden abarbeiten muss, ist es, von der Hängematteim Garten zur Couch im Wohnzimmer hin und her zu pendeln. Seinen Matrosenanzug trägt er nicht nur weil er ihm äußerst gut steht, sondern auch weil er in Wahrheit ein echter Seemann ist. Denn bevor seine Neffen in sein Leben platzten lebte DonaldDuck auf einem Hausboot. Doch dann zog er um, mitten ins Zentrum von Entenhausen, erdacht von Carl Barks.
Donald ist nur ein kleiner, unwichtiger Mann in einer großen Welt, der mit seinem ewigen Pech kämpft. Da er sich nur Sorgen darüber macht, wieso es allen besser geht als ihm, neigt er dazu seine eigenen Fehler leicht zu übersehen und diese nur bei anderen zu suchen.
Der erste Zeichner, der sich intensiv mit der Figur Donald´s beschäftigte war aber nicht Carl Barks, sondern Al Taliaferro. Ab dem 30. August 1936 hatte Donald seinen eigenen Comic strip, der jeden Sonntag auf der „Silly-Symphony-Seite“ vieler Zeitungen erschien.
Donalds Charakter kann leicht mit einer Vielzahl von Eigenschaften beschrieben werden: nie erwachsen, unbeherrscht, übellaunig, wütend, eingebildet, aggressiv, leichtsinnig, naiv, tölpelhaft, heikel, prahlerisch,ruppig, eigensinnig, hysterisch, feige, Quälgeist, andererseits ist er aber auch fesch, galant, flexibel, ehrlich, sanft, empfindsam, entschlossen, heldenhaft, tapfer und ein Sprecher der Schwachen und Unterdrückten. Eine seiner hervorstechendsten Eigenschaften ist es innerhalb kürzester Zeit den Unmut von halb Entenhausen, seiner Heimatstadt, auf sichzu ziehen. Al Taliaferro wollte es aber nicht bei dieser Rolle allein belassen und begann sie weiter auszubauen. Zu diesemZweck erfand er im Februar 1937 Donalds Neffen „Huey, Dewey und Louie“, zu Deutsch „Tick, Trick und Track“. Die Namensind Anspielungen auf reale Personen der damaligen Zeit. Es gab einen bekannten Redner mit dem Namen Huey Long und einen Philosophen und Pragmatiker namens John Dewey. Der Name Louie kam eigentlich nur des Reimes wegen dazu. Anfangshatten Tick, Trick und Track in den deutschsprachigen Ländern aber denselben Name wie in Dänemark, nämlichRip, Rap und Rup. Erst 1951 wurden ihre heutigen Namen eingeführt. Am 17. Oktober 1937 traten sie das erste Mal neben ihrem Onkel in einem der Comic-Strips der Sonntagszeitungen auf, gezeichnet von Al Taliaferro, geschrieben von Ted Osborne. Die Mutter der drei aufgeweckten Jungen, Donalds Cousine „Della Duck“, tritt selbst nie auf. Die einzige Erklärung fürdasplötzliche Auftauchen der drei Neffen liefert ein Brief: Der Vater von Tick, Trick und Track muss sich im Krankenhaus von einem mehr oder weniger „lustigen“ Streich seiner Söhne, von einem Feuerwerkskörper erholen. Angeregt zudenFiguren der schlauen Neffen wurde Al Taliaferro von Mickey´s Neffen Mack und Muck, als auch bei den drei Söhnen vomgroßen bösen Wolf, die ihn einmal in einer Geschichte tatkräftig unterstützten. Da eine solche FamilienerweiterungdieGagmöglichkeiten durch eine geballte Landung von Lausbubenstreichen enorm ausweitete und auch den Aspekt ins Spiel brachte, dasssich Donald zu einem verantwortungsvollen Erziehungsberechtigten und Familienoberhaupt entwickeln musste, stand deren Geburt nichts im Wege. So kamen an Donald Charaktereigenschaften zutage, mit denen man ihn zuvor niemals in Verbindunggebracht hätte. Er musste nun Verantwortung übernehmen und versuchen sich in seinen Wutausbrüchen zurückzunehmen um Haltung zu bewahren. Der etwas entferntere Verwandtschaftsgrad ließ aber noch einen weiteren Spielraum offen. Donaldhatte nun zwar die Aufsichtspflicht für seine Neffen übernommen, konnte aber trotz allem sein Junggesellendasein weiterführen. Anfänglich ließ Al Taliaferro Donald auch sehr unter den schlimmen Streichen seiner Neffen leiden, und die Leser konnten amüsiert dabei zusehen, wie Donald versuchte sein Temperament zu zügeln, was ihm natürlich nichtimmer gelang. Doch wurde aber durch diese Geschichten eine sehr menschliche Seite der Leser voll angesprochen: die Schadenfreude! Da Tick, Trick und Track aber nicht seine eigenen Kinder sind, sind Donald in deren Bestrafung unsichtbare Grenzen gesetzt:er istauf eine gewisse Art und Weise seinen Neffen ausgeliefert. Auf die Dauer aber wurden die wilden Streiche der Neffen wahrscheinlich doch als etwas zu schlimm empfunden und so wurden Tick, Trick und Track am 22. November 1937 zu ihrer Mutter Della Duck zurückgeschickt. Das ließen sich die aufgeweckten jungen Herren natürlich nicht so ohne weiteres Gefallen, da das Leben bei ihrem witzigen Onkel doch seinen Reiz hatte. 1940 kehrten die Drillinge wieder inDonalds Leben zurück, aber mit etwas gemäßigteren Charakteren.
Carl Barks, der beim Zeichentrickfilm schon mit Donald Duck Bekanntschaft gemacht hatte, entwickelte sich zudem Comiczeichner, der Donald für die Nachwelt am meisten prägen sollte. Die Grundlagen dafür hatte allerdings Al Taliaferro geschaffen!
In den Filmen war Donald wirklich nur aufbrausend und faul. Die wichtigste Gagmöglichkeit war sein unverständliches Geschnatter. Da diese Eigenschaft in Comics aber nicht zu gebrauchen ist, baute Barks seine Persönlichkeitausund verlieh Donald eine verständliche, artikulierte Sprache. Durch Carl Barks wurde Donald endgültig vermenschlicht. Barks ließ seine Fantasie spielen und ließ Donald immer neue Abenteuer mit der Familie erleben. Barks gelang das Kunststück, dass Donald Duck bei Erwachsenen wie auch bei Kindern gleichfalls beliebt war. Die Kinder fanden in ihm eine konstante Persönlichkeit und jemanden, der gegen seine eigenen kleinen Neffen Niederlagen einstecken muss. Tierhelden, in diesem Fall vornehmlich Enten, wurden auch schon in Fabeln genutzt um menschliche Schwächen aufzuzeigen. So lebt Donald Triebe und Sehnsüchte aus, die in unserer Gesellschaft kaum noch toleriert werden. Wenn ein Erwachsener das liest, und die schlechten Eigenschaften von Donald erkennt, vielleicht ist das dann auchdererste Schritt auf dem Weg zur Selbsterkenntnis?