2. Entwicklung der Kinder- und Jugendliteratur

2.3. Die "neue Kinderliteratur"

Mit dem Ende der Sechziger Jahre entstand eine "neue Kinderliteratur". Die Tradition der Kinderliteraturdesfrühen 20. Jahrhunderts wurde nun fortgesetzt. Der antiautoritäre Stil wandelte sich zu einem emanzipatorischen.Die Autoren wollten nun wieder als Beobachter fungieren, die die realen Lebensumstände der Kinder in Buchformumsetzen. Außerdem waren sie der Auffassung, das Kinder den Erwachsenen als gleichberechtigt anzusehen sind,undsiedemnach auch dieselben Rechte haben wie Erwachsene. Deshalb sollten die Kinder in ihren Büchern auch auf keinebereits vorgefassten Meinungen stoßen, wie es in der etwas realitätsfremden Literatur Mitte des 20. Jahrhunderts der Fall war. Die Autoren wehrten sich gegen Kindheitsstereotypen und Klischees, sie versuchten den jungen Lesern möglichst unvoreingenommen entgegenzutreten und sie ernst zu nehmen. Die meisten Autoren dieser Phase wurden in den Dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts geboren. Sie verlebtenihre Kindheit in den letzten Kriegsjahren bzw. in den Nachkriegsjahren. Aufgrund der damaligen Umstände gabes für keine Kinder keine "Sonderbehandlung". In gewisser Weise waren sie den Erwachsenen gleichberechtigt, wasNotund Leid anbelangte. So erlangten diese Kinder schon recht früh eine gewisse Selbstständigkeit. Die Erinnerungen an ihre Kindheit fielen dementsprechend unsentimental und so gar nicht idyllisch aus. In den Romanen durfte es nun keine Geheimnisse mehr vor den Kindern geben. Die Kinder sollten als Gleichberechtigte auch Zugang zu Wissen und Erkenntnis bekommen. Sie sollten die Widersprüchlichkeiten in Aussagen und Verhalten der Erwachsenen erkennen und sie darauf auch aufmerksam machen. Die Texte handelten nun von Kapitalisten, Lohnarbeitern, Spekulanten, dem Staat und dessen Bürgern. Anfang der Siebziger Jahre begannen sich die Leitmotive der Jugendliteratur erneut zu wandeln. Den Autoren wurde klar, dass sie sich auf die Probleme und Strukturen der Welt der Kinder beziehen mussten. Die Autoren zeichneten sich durch Unvoreingenommenheit und Gewissenhaftigkeit aus. Sie versuchten die Rahmenbedingungen des Lebens von Kindern und Jugendlichen mit einzubeziehen. Die Erwachsenen sind für die äußeren Umstände der Kinder verantwortlich und sind zum Teil diejenigen, die die Kinder in ihren Rechten und Entfaltungsmöglichkeiten einschränken. Die Hauptperson Kind war in dieser Form der Jugendliteratur oft nur eine Art Wunschfigur, die sich tapfer und voller Selbstbewusstsein gegen die Bevormundung auflehnt. Konflikte um Erziehung, Autorität, Familie, Freunde, Nachbarschaft und Schule traten in den Mittelpunkt. Damit wurde natürlich das Interesse am Lesen geweckt, da dies genau die Probleme waren, die auch die jungen Leser selbst beschäftigten. Viele Tabuthemen wie Tod, Krankheit, Scheidung und Sexualität wurden jetzt offen angesprochen. Einerseits konnten sich die jungen Leser nun mit dem Helden der Geschichten identifizieren, andererseitskonnte die Beschäftigung mit einem solchen Thema vielleicht dazu beitragen, die eigenen Probleme aufzuarbeiten. Nun handelten die Geschichten auch von Kindern, die versuchten ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen und eigene Entscheidungen zu treffen. An die Stelle des Helden trat nun der Anti-Held. Die Hauptpersonen der Geschichten waren nun Außenseiter, Scheidungskinder und Versager. Diese Kinder sind jedoch selbst so stark, dass sie es schaffen ihr Leben selbstin die Hand zu nehmen, um Lösungen für ihre Probleme zu finden. Einige Beispiele für solche Anti-Helden findet man auch bei Christine Nöstlinger:

Doch auf der anderen Seite sind Kinder auch in Sachen Vereinsamung, Wirklichkeitsverlust und Zerrissenheit den Erwachsenen "gleichberechtigt". Nun wurden auch Kinder erwähnt, die an den diesen Problemen leiden.Neben dem realistischen Aspekt gewann die Kinder- und Jugendliteratur nun auch einen psychologischen dazu.