4. Einige Bücher Christine Nöstlingers

4.3. "Man nennt mich Ameisenbär"

Man nennt mich Ameisenbär Maria-Theresia, kurz Thesi genannt, ist zwölf Jahre alt, lebt mit ihrer älteren Schwester Sophie und ihren Eltern in einer relativ harmonischen Familie und hat gute Schulnoten. Trotzdem ist ihr Leben nicht ganz so einfach wie es auf den ersten Blick scheint. Als Thesi noch ein kleines Mädchen war, wusste sie nicht, dass sie Mausaugen, eine Nase wie ein Zinken und Unterbiss hat. Sie bemerkte nur, dass die meisten Leute zu ihrer hübschen, zwei Jahre älteren Schwester, um einiges freundlicher waren. Fast täglich muss Thesi gegen "Verschönerungsversuche" ihrer Mutter ankämpfen, die es ja nur gut mit Thesi meint. Oft hat Thesi Tagträume, die immer damit beginnen, dass sie einen schweren Autounfall hat, in einem Krankenhaus wieder aufwacht, ihr ein Chirurg mitteilt, dass sie versucht haben ihr Gesicht wieder halbwegs zu flicken, und ihr ein strahlend schönes Mädchen aus dem Spiegel entgegenblickt. Thesi ist mit dem Nachbarsbuben Friedrich befreundet, obwohl sie manchmal den unbegründeten Verdacht hegt, dass er sie nur besucht um ihre Schwester zu sehen. Thesi hat auch einen Brieffreund, den gleichaltrigen Axel. Da man bei Brieffreundschaften aber meistens ein Foto mitschickt, hat Thesi sich einfach ein hübsches Foto ihrer Schwester ausgesucht. Ihre Mitschüler mögen Thesi nicht besonders, da sie sie für eine Streberin halten. Dass Thesi soviel lernt und dadurch gute Noten hat, kommt jedoch daher, dass sie am Nachmittag wo sich die anderen Kinder mit ihren Freunden treffen, massenhaft Zeit hat um sich um alle Hausübungen und anderen Arbeiten zu kümmern. In Thesis Klasse unterrichtet eine Lehrerin, die von den Schülern "Karpfen" genannt wird. Diese Lehrerin hat ein Problem mit ihren Zähnen und spuckt deshalb ziemlich stark, was den Schülern der ersten beiden Bankreihen gar nicht behagt. Die Klasse entschließt sich zu einer Aktion gegen das "bespuckt werden". Doch Thesi widerstrebt es bei einer solchen Aktion mitzumachen, da sie aus eigener Erfahrung weiß, wie unangenehm es ist aufgrund von Äußerlichkeiten ausgeschlossen und verspottet zu werden. Thesi gerät in eine Zwickmühle. Einerseits will sie ihrer Klasse beweisen, dass sie kein Spielverderber ist und sich nicht auf die Seite der Lehrer stellt, andererseits widerstrebt es ihr einen "Spuckeschild" zu basteln, und so gegen die Lehrerin, die ja auch nur ein Mensch ist, vorzugehen. Die Familie ist sich zwar im Klaren, dass Thesi kein hübsches Kind ist, aber, dass Thesi unter ihrem Aussehen zu leiden hat, scheinen sie oft nicht mehr wahrzunehmen. Der Mutter, die selbst eine Schönheit ist, scheint nicht aufzufallen, dass sie Thesi mit ihren Verschönerungsversuchen nur nervt und sie damit sicherlich auch verletzt. Der Vater scheint im Aussehen seiner Tochter kein Problem zu sehen, was wohl daran liegt, dass er als Junge unter seinem Aussehen nicht so stark litt wie Thesi. Ihre Schwester Sophie bemerkt Thesis Probleme anfangs auch nicht. Ihr fallen nur die verschiedensten eigenartigen Dinge auf. Dass ein hübsches Foto von ihr fehlt (Thesi schickte es ihrem Brieffreund) und eines Tages ein fremder Junger vor ihrer Wohnungstür steht, der sie für Thesi hält (natürlich aufgrund des mitgeschickten Fotos). Der Nachbarsjunge Friedrich, der alles gerne von der psychologischen Seite beleuchtet, lässt bei Sophie ein Licht aufgehen. Friedrich spricht ihr gegenüber offen aus, dass Thesi nicht hübsch ist, von den anderen für eine Streberin gehalten wird, aber trotz allem ein wahnsinnig lieber Mensch ist. Langsam leuchtet dann auch dem Rest der Familie ein, dass Thesi mit ihrem Aussehen ein Problem haben und mit sich selbst nicht im Reinen sein könnte. Doch Thesi findet Hilfe und Anteilnahme bei ihrer Großmutter. Die Mutter ihres Vaters, von dem Thesi ihr Gesicht geerbt hat, hatte in ihrem Leben auch schon unter ihrem Aussehen zu leiden. Mit Hilfe ihrer Großmutter schafft es Thesi sich einigermaßen mit ihrem Äußeren abzufinden. Außerdem gelingt es Thesi in einem Nachbarsjungenihrer Großmutter, Josef-Maria, einen Freund zu finden, der sie so mag und akzeptiert wie sie ist. Christine Nöstlinger zeigt mit diesem Buch sehr deutlich und offen, wie schwierig es für ein Kind ist, mit Vorurteilen fertig zu werden. Es wird auch deutlich, dass man mit einer etwas anderen Lebenseinstellung und Freunden, die einen verstehen, sein Leben in den Griff bekommen kann, ohne auf ein Wunder, in diesem Fall eine Schönheitsoperation, hoffen zu müssen.